Tariflöhne auf Campus gefordert

Göttinger Studierende engagieren sich für bessere Arbeitsbedingungen auch an der Universität. Buchhändler in der Kritik

Julia Neumann (Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2009/09-11/045.php)
In Göttingen mobilisieren Studierende der Universität nicht nur gegen Studiengebühren, sondern auch für faire Arbeitsbedingungen auf »ihrem« Campus. Sie fordern, daß mindestens Tariflöhne gezahlt werden und protestieren gegen miese Arbeitsbedingungen.

Anlaß für das Engagement ist die geplante Neueröffnung einer Campusfiliale des Göttinger Buchhändlers Calvör, der wegen schlechter Arbeitsbedingungen in der Kritik steht. »Löhne weit unter Tarif, Behinderung von Betriebsratsarbeit und respektlosen Umgang mit Beschäftigten tolerieren wir nicht«, erläuterte Jule Winter vom »Bündnis Dichtmachen Göttingen« gegenüber junge Welt.

»Wenn Beschäftigte, beispielsweise gelernte Buchhändlerinnen, weniger als acht Euro brutto verdienen, wenn Sicherheitsdienstleister weniger als sechs Euro brutto verdienen, dann ist das nicht nur dem einzelnen gegenüber respektlos, sondern auch gesellschaftlich unverantwortlich«, so die Aktivistin. Der Eigentümer von Calvör wollte sich auf jW-Nachfrage nicht zu »Betriebsinterna« wie der Bezahlung und Behandlung von Mitarbeitern äußern. »Auf anonyme Vorwürfe und Kampagnen reagiere ich nicht«, sagte er.

Auch die seit Jahren nicht mehr an die Preisentwicklung angepaßten Löhne studentischer Hilfskräften an den Universitäten will das Bündnis in den kommenden Semestern zum Thema machen. »Wie wollen nicht hinnehmen, daß studentische Hilfskräfte immer mieser bezahlt werden«, so Aysun Tayad, die sich ebenfalls in dem Bündnis engagiert. »Die Gehälter der Hilfskräfte liegen in Niedersachsen unter acht Euro brutto«, erklärte Winter. Sie sollten sich eigentlich parallel zu denen im öffentlichen Dienst entwickeln. »Daran erinnern sich die Universitäten aber immer nur dann, wenn es um Kürzungen geht wie im Jahr 2006«, so die Studentin. Zum Vergleich: In Berlin sind die Arbeitsbedingungen seit 1979 in einem Tarifvertrag für studentische Beschäftigte geregelt, der unter anderem Stundenlöhne von immerhin 10,98 Euro vorsieht.

Hintergrund der Aktionen sind die seit einiger Zeit stattfindenden Proteste gegen die Veränderungen im Hochschulwesen. Gestärkt durch die große Beteiligung am Bildungsstreik im Sommersemester wollen die Studierenden nun auch die Studiengebühren wieder ins Visier nehmen. Zur Zeit wird ein Boykott vorbereitet. »Der erste Schock nach der autoritären Durchsetzung des Bachelor/Master-Systems scheint überwunden«, so Tayad. Eine »neue Studierendengeneration« sei angetreten, um die Arbeits- und Lernbedingungen an der Uni zum Thema zu machen. In Göttingen hatten sich zuletzt mehr als 10000 Schüler und Studierende an Demonstrationen beteiligt.
http://www.dichtmachen.wordpress.com und http://www.tarifini.de

(c) Junge Welt 2009

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